Zwei Brauereien, neunhundert Menschen

Der Ort ist eine eigene Pfarrei, die Kirche Kreuzerhöhung steht mitten im Ort, ringsum ein paar Gassen mit Bauernhäusern. Es gibt eine Bushaltestelle, ein Gemeindehaus und keinen Laden, der den Namen verdient. In einer Gegend, in der fast jedes Dorf einmal braute, hat Merkendorf zwei behalten — und beide brauen noch in dem Gebäude, in dem sie ausschenken. Beide liegen keine fünf Minuten voneinander.

Wagner in der Pointstraße 1 braut seit 1797 und gehört seit 1919 derselben Familie. Die Ausstoßmenge liegt bei rund 17.000 Hektolitern im Jahr, was aus der Dorfbrauerei einen Betrieb macht und nicht aus einem Hobby: Fast jeden Morgen fahren Lastwagen in die Region. Die Gaststube liegt wenige Schritte vom Sudkessel entfernt, der Biergarten hinter dem Haus unter alten Bäumen, mit Spielplatz daneben.

Hummel in der Lindenstraße 9 ist die ältere und die kleinere der beiden. Seit 1556 wird auf dem Anwesen gebraut; 1846 kaufte es die Familie, inzwischen in der siebten Generation. Es gibt eine Gastwirtschaft, ein Bräustübla für etwa achtzehn Personen und einen Biergarten für den Sommer. Die Karte ist fränkisch und wechselt mit der Saison. Dienstag ist Ruhetag — gut zu wissen, bevor man in den Bus steigt.

Das Jahr im Dorf

Zwei Termine ordnen das Jahr. Wagners Kirchweih fällt auf den zweiten Sonntag nach Mariä Himmelfahrt, Ende August, der Bockbieranstich auf den Freitag vor Buß- und Bettag im November, wenn der dunkle Bock angestochen wird und die Gaststube vollläuft. Beides sind gewöhnliche fränkische Bräuche — und beide ein besserer Grund zu kommen als jeder andere Samstag. Der Ort ist klein genug, dass man alles zu Fuß erreicht.

Im Rest des Jahres ist es still. Man durchquert den Ort in zehn Minuten, an der Kirche und den letzten Häusern vorbei, hinaus zu den Feldern, wo die Obstwiesen in Reihen stehen. Es gibt nichts zu besichtigen, und genau das ist der Punkt: Die Gaststube ist die Sehenswürdigkeit, das Bier entsteht auf der anderen Seite der Wand, und der Rest des Dorfes bleibt der Landwirtschaft überlassen.

Hinkommen und essen

Der Bus 917 hält an der Haltestelle Merkendorf (Memmelsd.) Kirche, zentraler wird es nicht. Einen Bahnhof gibt es nicht, und am Wochenende fährt wenig — die Rückfahrt also vor dem ersten Bier klären und nicht danach. Mit dem Auto sind beide Brauereien an einem Nachmittag zu schaffen, die Fahrt von Bamberg dauert etwa fünfzehn Minuten. Wer in Memmelsdorf übernachtet, geht in etwa vierzig Minuten über die Felder herüber.

Das Essen ist der Grund, länger als ein Bier zu bleiben. Wagner kocht fränkische Braten und Klöße nach einer Karte, die täglich wechselt — mittwochs Leberkäse, freitags Fisch —, und serviert durchgehend Brotzeiten. Hummel hat Braten, einen Fleischspieß, für den das Haus bekannt ist, und das eigene Kellerbier daneben. Keins von beiden ist ein Zielrestaurant; es sind Dorfküchen, die nebenbei brauen. Beide Küchen schließen früh am Abend, nicht erst um Mitternacht.